Willkommen an der Schwelle zu Enéndia
Du gehörst zu den wenigen, die den Anfang kennen dürfen.
Dies ist kein gewöhnliches Kapitel.
Hier beginnt alles – mit einem Jungen, der nicht an das Schicksal glaubt.
Und der gegen seinen Willen in eine Welt gerissen wird, die ihn verändern wird.
Ein unscheinbares Haus.
Ein gewöhnlicher Herbsttag.
Und der Moment, bevor das Schicksal an die Tür klopft.
Traum
Wer auch immer behauptet, man könne aus Träumen die Zukunft erahnen, hat so etwas offenbar noch nie geträumt.
So einen Albtraum wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind. Bereits im Schlaf weiß Jonas: Das hier ist Irrsinn. Zwei Eber, gewaltig wie Panzer, rammen sich blind vor Wut. Ihre Flanken – gespickt mit Stacheln. Blut tropft aus Wunden. Der Boden bebt unter ihren Hufen.
Grunzen. Brüllen. Wie aus einer anderen Welt. Durchdringend. Übermächtig. Von Rage und Hass geschürt.
Dann – Stillstand.
Ein Zittern geht durchs Erdreich. Tief unten, jenseits des Sichtbaren, beginnt etwas zu grollen und zu vibrieren. Wie eine dunkle, urzeitliche Drohung kündigt es Unheil an.
Die Eber jagen davon.
Jonas spürt die Bedrohung. Sie lauert unter der Erde – geduldig und hungrig, jahrtausendelang. Wartet auf eine Gelegenheit, aus ihrem Schattenreich emporzusteigen. Schwarz, gesichtslos, unaufhaltsam. Ihre Präsenz ist niederschmetternd. Er will schreien, rennen, erwachen – es gelingt ihm nicht.
Im Zwischenstadium zwischen hier und dort blickt er an sich herab, betrachtet seine Hände. Sie verändern sich.
Die Finger wachsen, krümmen sich, Knochen drücken sich hervor. Etwas reißt durch die Haut – Widerhaken, winzig und scharf. Der Schmerz ist überwältigend. Er entspringt seinen Händen, breitet sich über den ganzen Körper aus. Lässt ihn erzittern, reißt ihn aus dem Traum.
Er schlägt die Augen auf, schnappt nach Luft. Das Herz hämmert. Er sitzt kerzengerade im Bett. Seine Hände fühlen sich wie Krallen an. Er starrt sie an. Da ist nichts – nur die vertrauten, schmalen Finger. Kein Blut, keine Stacheln, keine Widerhaken. Aber das Kribbeln ist noch da. Wie ein Phantomschmerz.
Neben dem Kopfkissen vibriert das Handy. Unaufhörlich, wie das Echo seines Traums. Mit einem entschlossenen Streich lässt er es verstummen, wirft sich zurück auf das Kissen, starrt die Zimmerdecke an.
Noch immer spürt er das Stechen in den Handflächen – als wäre es real gewesen.
Dann verblasst es.
Bis auf das ungute Gefühl – das bleibt.
Aufbruch
Langsam dämmert es ihm: Er selbst hat das Handy unter das Kissen gelegt. Letzter Weckversuch, bevor es ernst wird. Heute ist wichtig. Nico kommt.
Und sie haben etwas vor.
Er schlägt die Decke zurück, steht auf. Kalter Boden unter den Füßen – hart, abweisend.
Chaos im Flur. Aufgeregte Stimmen, Schritte auf knarrendem Parkett. Lea, die ewige Nervensäge, fährt auf Klassenfahrt. Mutter wirbelt, spricht mit sich selbst. Krisenmodus pur.
Jonas grinst. Heute ist perfekt.
Er lehnt im Türrahmen seines Zimmers und beobachtet amüsiert, wie seine Mutter durch die Wohnung läuft.
»Suchst du etwas?«, fragt er unschuldig. »Lass mich raten – das Handy?« Natürlich. Gleich wird sie sich vom Festnetz aus anrufen. Jonas kennt dieses Ritual. Es wird losträllern, sie wird es aus irgendeiner Ritze der Couch herausziehen und dann loshetzen. Diesmal wird er sogar den Hörer für sie auflegen. Alles, damit sie endlich geht.
Denn sobald sie aus dem Haus und der Wagen aus der Auffahrt gerollt ist, wird es an der Tür klingeln – und Nico wird auftauchen.
Sie haben einen Plan: Frühstück, dann MediaMarkt.
Nico hat Jonas das neueste iPhone versprochen – auf seine Weise natürlich. Er kennt eine Methode, um die Diebstahlsicherung zu knacken. Angeblich todsicher.
Pfeif auf die Schule, hatte Nico gesagt. Ein freier Tag hat noch niemandem geschadet.
»Bärchen! Ich habe für Leas Abschied Eierkuchen gemacht. Ein paar sind noch in der Küche«, ruft seine Mutter.
Natürlich, für Lea, denkt er bitter. Mir würden sie ein paar Münzen in die Hand drücken. Gute Reise – mehr nicht.
Er beißt die Zähne aufeinander. Der Frust sitzt ihm wie ein Knoten im Bauch. Erst das Zuschlagen der Tür reißt ihn aus seinem Zustand. Und erst jetzt registriert er seinen steinernen Kiefer.
Er marschiert in die Küche, klatscht sich eine riesige Portion Nutella auf den obersten Eierkuchen, rollt das Ding ein und stopft es sich in den Mund. Geht zum Kühlschrank, greift nach der Milch – und er trinkt, so wie er es nicht darf, direkt aus der Packung, schmatzend, ungeniert wie ein Tier. Langsam hebt sich seine Laune.
Jetzt gehört der Tag ihm.
Der alte Mann
Pünktlich wie ein Uhrwerk klingelt es an der Tür.
Perfektes Timing. Natürlich – es muss Nico sein.
Er stellt die Milch ab und geht zur Tür, will sie öffnen. Doch dann hält er inne.
Es könnte Mutter sein.
Sie ist eine ausgesprochene Spezialistin, Dinge zu vergessen. Aber würde sie in diesem Fall klingeln? Nein, sie würde mit ihrem Schlüssel öffnen.
Jonas kaut, schluckt – zögert. Vielleicht hat sie ihren Schlüssel zu Hause vergessen.
»Mama?«
Nichts. Hinter der Tür bleibt es still.
Nein, das ist sie nicht. So lange würde sie nicht warten. Sie ist gestresst und hätte längst ungeduldig geklopft. Ihr armes Mädchen ist spät dran.
»Nico!«, sagt Jonas, ergreift die Klinke und öffnet die Tür.
Draußen steht ein alter Mann. Hager, das Gesicht scharf geschnitten, die Wangenknochen wie aus Stein gehauen. Auf der rechten Wange vier verschorfte Kratzer – als hätte ein Bär ihn mit seiner Pranke gestreift. Doch es sind seine Augen, die Jonas den Atem rauben: stahlblau, kalt, wie Eisblitze.
»Nicht Nico«, sagt der Alte, mit einer Stimme, bei der sich Jonas die Nackenhaare aufstellen.
»Der hat seine Pläne geändert.« Er macht einen Schritt auf Jonas zu. »Ich heiße Jakob. Und ich weiß, wer du bist.«
Pause – die Luft flimmert.
»Aber wichtiger ist: Was gleich geschieht – ich kann es nur in Gang setzen. Aufhalten kann ich es nicht.«
Und mit der Wucht eines Rammbocks stößt er Jonas von der Tür weg.
Jonas stolpert rücklings in den Flur.
Etwas hat begonnen.
Das war erst der Anfang.
Jonas hat die Tür geöffnet – und damit eine Welt betreten, die ihn zu verschlingen droht.
Willst du wissen, wie es weitergeht?
Dann lies weiter …
Prügel
Jonas taumelte, hielt sich mit Mühe auf den Beinen. Ein schwarzer Stiefel traf ihn mit voller Wucht in die Brust. Er schnappte nach Luft, rang darum, seine Gedanken zu ordnen, irgendetwas entgegenzusetzen. Doch in seinem Kopf herrschte Chaos. Seine Gelenke fühlten sich wie gelähmt an, jede Bewegung war ein Kraftakt.
Der Alte glitt durch die Tür, schloss sie, als hätte er alle Zeit der Welt.
Das war Jonas‘ Chance. Mit einem Schrei preschte er vor, holte aus – so wie die Helden in unzähligen Kinofilmen – und schlug zu.
Seine Faust prallte gegen das Türblatt. Der Alte wich mühelos aus, eine elegante Drehung, fast wie ein Tanzschritt. Gleichzeitig durchfuhr ein dumpfer Schmerz Jonas‘ Magen. Der Eierkuchen wollte hoch, die Lunge ächzte nach Sauerstoff.
Sein Gegenüber bewegte sich schnell und präzise. Jeder Schlag, jede Drehung mit einer fließenden Eleganz, die Jonas fast hypnotisierte.
Ihm blieb keine Sekunde, darüber nachzudenken, wie er agieren sollte. Eine Serie von Schlägen prasselte auf ihn ein. Zu seinem Schutz riss er die Arme hoch, schützte Kopf und Körper.
Aber seine Deckung war erbärmlich. Ein Treffer nach dem anderen erschütterte seinen Brustkorb. Zornig stieß der Alte hervor: »Was ist mit dir los!« Die Stimme scharf wie ein Peitschenhieb. »Wie lange willst du das geschehen lassen?«
Die Wut schoss wie ein Blitz durch Jonas‘ Körper. Was hatte er erwartet? Dass er einfach gewinnen würde? Dass der Alte sich zurückziehen würde, wenn er nur fest genug zuschlug? Lächerlich. Er war viel zu schwach, um sich gegen diesen Mann zu behaupten. Aber in diesem Moment konnte er sich nicht zurückhalten. Ein schriller Schrei entglitt ihm, als er mit wilden Schlägen nach vorne stürmte. Jeder Teil seines Körpers brüllte vor Schmerz, doch er kämpfte weiter – weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Was blieb ihm anderes, als zu kämpfen, auch wenn er wusste, dass es vergebens war?
Und er traf – nicht oft, nicht hart, aber immerhin. Seine Bewegungen waren ungelenk und windmühlenartig, doch hin und wieder gelang ihm der eine oder andere Treffer. Für einen Moment schien sich das Blatt zu wenden.
»Na bitte«, murmelte der Alte. Als gönne er Jonas diesen kleinen Triumph. Nur um ihn im nächsten Moment mit harten Schlägen einzudecken.
Jonas merkte, wie seine Kräfte schwanden. Dieses mörderische Tempo war unmöglich aufrechtzuhalten.
Als er glaubte, sich halbwegs gefangen zu haben, traf ihn ein letzter, zermürbender Stoß – seine Knie donnerten auf die Dielen. Wie ein gefällter Baum fiel er vornüber um.
In der Peripherie grummelte der Alte irgendetwas – unzufrieden mit der momentanen Situation.
Jonas‘ Herz hämmerte gegen die Holzdielen, sein Atem dröhnte in den Ohren. Sein Sichtfeld schrumpfte. Kollabierte. Es wurde dunkel und still.
Schmerzen
Irgendwann erwachte er wieder. Es hätten Sekunden oder Stunden dazwischen gelegen haben können. Er hatte kein Zeitgefühl. Seine Augen fokussierten etwas: schwarze Stiefel, dicht vor seinem Gesicht. Sie rochen nach Leder, Erde, Holz und Rauch.
Was war hier geschehen? Es fühlte sich an, als wäre eine Herde von Steinböcken über ihn hinweggaloppiert. Seine rechte Hand brannte. Er zog sie vors Gesicht und starrte sie an. Zunächst verschwommen, dann einen Hauch schärfer. Aufgeplatzte Knöchel. Blutverkrustet.
Er wagte es nicht, sich weiter zu bewegen. Ans Aufstehen hatte er erst recht nicht gedacht. Allein bei dem Gedanken, der Alte könnte ihn erneut angreifen, stieg eine unerträgliche Übelkeit in ihm auf. Er war ausgelaugt, wollte nur in Ruhe gelassen werden. Hoffte, der Irre würde von ihm ablassen und verschwinden.
Und zum Glück tat er genau das. Die schwarzen Stiefel entfernten sich.
Die Haustür wurde geöffnet und geschlossen.
Jonas lag reglos auf dem Boden, der Atem schwer und krampfhaft, als ob die Luft ihn im letzten Moment verlassen wollte. Die Sekunden dehnten sich in die Länge. Er hörte nichts außer seinem eigenen Herzschlag, der wie ein dumpfes Dröhnen in seinen Ohren pochte. Ein lähmendes Gefühl der Ohnmacht überkam ihn, als er versuchte, die Glieder zu rühren – jeder Teil seines Körpers schmerzte. Jede Bewegung verstärkte den Schmerz. Seine Hand ballte sich, doch der einzige Gedanke, der sich in ihm regte, war: Warum? Warum musste das passieren?
Angst
Nach einer gefühlten Ewigkeit zwang er sich, die Augen zu öffnen. Die Dunkelheit, die ihn umgab, schien alles zu verschlucken, und der Raum fühlte sich viel zu weit entfernt an. Langsam rollte er zur Seite, wobei der Untergrund sich wie ein wackeliges Schiff anfühlte.
Schließlich setzte er die Hand auf den Boden und stützte sich darauf. Es war ein verzweifelter Versuch, den Aufstand gegen den Schmerz zu gewinnen. Seine Finger zitterten, als er die Kraft sammelte, sich in eine sitzende Position zu bringen. Seine Knie waren weich, dem Gewicht seines Körpers nicht gewachsen. Er stöhnte vor Anstrengung, aber er zwang sich weiterzumachen.
Er blickte auf. Der Flur sah aus, als wäre er von einem Tornado verwüstet worden. Doch das war ihm egal. Alles, was zählte, war, dass er sich irgendwie auf den Beinen hielt. Die Welt um ihn herum schien sich langsamer zu drehen. Er betrachtete sich im Spiegel. Sein Gesicht war kaum getroffen worden. Der Alte hatte sich überwiegend seinem Rumpf gewidmet.
Er befühlte seine Blessuren mit einer Mischung aus Angst und Entsetzen. Was, wenn es schlimmer war, als er dachte?
Doch er konnte nicht anders, als sich zusammenzureißen. Es musste weitergehen. Aber nicht jetzt. Nicht sofort.
Da klingelte es erneut an der Tür. Vor Schreck zuckte er zusammen.
Oh Gott, es geht wieder los.
Doch als er Nicos Stimme an der Tür hörte, erinnerte er sich an die Verabredung. Aber er war nicht in der Lage, sich zu rühren. Geschweige denn, die Tür zu öffnen.
Und so beschloss er, weder Nico noch seinen Eltern auch nur ein Wort über das, was soeben vorgefallen war, zu erzählen. Er fand, dass er an diesem Morgen hart genug bestraft worden war und dass er weder die klugen Belehrungen seiner Eltern brauchte noch die Peinlichkeit vor seinem besten Freund, wie ein Versager dazustehen. Er wollte einfach in Ruhe gelassen werden.
Nico klingelte ein weiteres Mal. Jonas reagierte nicht.
Die Sekunden zogen sich quälend hin. Er harrte aus.
Bis sein Kumpel sich fluchend von der Tür entfernte.
Dann fing er an, den Flur aufzuräumen.
Enéndia verändert alles.
Du hast gesehen, wie es begann – doch es waren nur die Vorboten einer weitaus größeren Geschichte.
Wenn du bereit bist, weiterzugehen, bleib in meiner Welt.
Leon Sondermann
Autor der Enéndia-Saga
Willst du die ganze Geschichte erleben? Du findest sie hier.